Wie entsteht Darmkrebs?

In rund 90% der Fälle tritt Darmkrebs sporadisch auf, d.h. ohne genetische Belastung oder prädisponierende Erkrankung. Fast ausnahmslos durchläuft der Tumor bei seiner Entstehung das Stadium eines Adenoms = Polypen („Adenom-Karzinom-Sequenz“), wobei die mittlere Dauer bis zur Karzinommanifestation etwa 10-15 Jahre beträgt. Eine ausreichend langer Zeitraum also, der uns zur Durchführung von Vorsorgeuntersuchung zur Verfügung steht und durch die Polypenabtragung sogar die Möglichkeit einer Verhinderung des Krankheitsaus-bruches bietet.

Allmählich beginnt man die molekulargenetischen Vorgänge zu verstehen, die beim Prozess der Krebsentstehung (Karzinogenese) eine massgebliche Rolle spielen, wobei nicht ein bestimmtes Ereignis, sondern letztlich die Kumulation dieser entscheidend sein dürfte. Als definierte Risikofaktoren gelten abgesehen vom Lebensalter, die Ernährungsgewohnheiten und der Lebensstil, wobei dies erklärt warum diese Erkrankung vornehmlich in den westlichen Industrienationen auftritt. Spezielle Risikofaktoren stellen die familiäre Disposition (wenn Eltern oder Geschwister an Darmkrebs oder -Polypen erkrankt sind), über viele Jahre bestehende chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, vorangegangene Dickdarmpolypen oder -Karzinome, sowie die verhältnismässig seltenen erblichen Dickdarmpolyposen dar.

In welchem Teil des Darms entsteht der Krebs?

95% aller bösartigen Darmtumoren entstehen im Dick- und Enddarm; Karzinome im Dünndarm oder im Zwölffingerdarm, der im Verdauungstrakt unmittelbar nach dem Magen folgt, stellen somit eher eine Rarität dar. Innerhalb des Dickdarms finden sich etwa 25% aller Karzinome im Enddarm, wobei jüngst eine – letztlich nicht plausibel erklärbare – Verlagerung der Tumoren in weiter oben gelegene Darmabschnitte beobachtet wurde.

Wie bemerkt man die Krankheit, was sind die Symptome – oder ist das praktisch unmöglich?

Frühe Krankheitsstadien sind leider fast ausnahmslos asymptomatisch. Die häufigsten Leitsymptome des Dickdarmkarzinoms, die erst bei tumorbedingter Einengung der Darmpassage oder Überschreiten der Organgrenzen auftreten, umfassen Veränderungen der Stuhlgewohnheiten, Bauchschmerzen, Blut im Stuhl, Übelkeit und Erbrechen. Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Kräfteverfall und Gewichtsverlust sind in der Regel bereits Ausdruck fortgeschrittener Erkrankungsstadien.

Kann auch nur durch kontinuierliche schlechte Ernährung, wenige Bewegung und Alkoholkonsum Darmkrebs entstehen?

Obwohl diätetische Faktoren (Fett- und Fleischreiche, Ballaststoffarme Kost), Übergewicht, mangelhafte körperliche Bewegung, Alkohol- und Nikotinabusus das Risiko an einem Dickdarmkarzinom zu erkranken -vor allem in Summe- erheblich steigern, führt dies nicht obligat zum Auftreten dieser Erkrankung. Das ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der Häufigkeitsgipfel des Dickdarmkarzinoms ja erst um das 65.Lebensjahr liegt, in einem Alter, das die meisten Personen mit einer derart ungesunden Lebensweise ohnedies kaum erreichen.

Wie schnell wächst der Tumor der Darmschleimhaut?

Die Wachstumsrate des Dickdarmkarzinoms variiert individuell erheblich. Es gibt undifferenzierte (feingeweblich eher primitiv strukturierte) Tumoren, die meist durch einen aggressiven Krankheitsverlauf charakterisiert sind, es gibt mittelgradig sowie hoch-differenzierte Tumoren (die feingeweblich der gesunden Darmschleimhaut ähnlich sind), und sich nur sehr langsam ausbreiten.

Ab welchem Stadium ist es bereits zu spät für eine Heilungschance bzw. in welchem Stadium müsste – für eine Heilungsmöglichkeit – der Krebs erkannt werden?

Die ideale Situation stellt der im Rahmen der Dickdarmkarzinomvorsorge entdeckte Polyp und dessen Abtragung dar, da so die Erkrankung überhaupt nicht zum Ausbruch kommen kann. Bei bestehender Krebserkrankung korreliert die Prognose eng mit dem Tumorstadium. Kleine Karzinome mit geringer Infiltrationstiefe haben eine rund 90%ige Heilungschance und beim Befall benachbarter Lymphdrüsen beträgt die Chance (bei einem erfahrenen Chirurgen und entsprechender Nachbehandlung) bis zu 70%. Im Stadium der Fernmetastasierung ist die Prognose naturgemäss am ungünstigsten; bei ausschliesslichem Tumorbefall der Leber gelingt es heute dennoch dank moderner medizinischer Behandlungsmethoden (präoperative Chemotherapie, spezialisierte Metastasenchirurgie, lokale ablative Therapieverfahren mit Hitze oder Kälte) bei = 30% aller Patienten potentielle Heilungen zu realisieren.

Wenn in meinem Familienkreis Darmkrebserkrankungen vorliegen, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, selbst daran zu erkranken? Wie kann man versuchen dagegen zu wirken?

Für Verwandte ersten Grades ist das Risiko selbst an einem Dickdarmkarzinom zu erkranken nahezu verdoppelt. Eine weitere, also drei bis vierfache Risikosteigerung besteht, wenn der Blutsverwandte sein Karzinom vor dem 60.Lebensjahr entwickelt hat bzw. wenn mehr als ein Verwandter ersten Grades betroffen ist.

Spezielle Massnahmen zur Minimierung des Erkrankungsrisikos (diätetische Massnahmen, medikamentöse Chemoprävention) können Angehörigen dieser Riskogruppe derzeit nicht gegeben werden, allerdings sollten die auch für die Normalbevölkerung gültigen Empfehlungen (ausgewogene Ernährung, regelmässige sportliche Betätigung, Vermeidung von Übergewicht, Alkohol- und Nikotinabusus) berücksichtigt werden. Was die Vorsorge-Koloskopie anbelangt, so sollte diese zehn Jahre vor dem Alterszeitpunkt des Auftretens des Karzinoms des betroffenen Verwandten erfolgen.

Wer ist mehr gefährdet, Männer oder Frauen?

Männer haben in Relation zu Frauen ein (allerdings nur gering) erhöhtes Risiko an Dickdarmkrebs zu erkranken. Das Lebenszeitrisiko für diese Krankheit beträgt in Österreich wie in den übrigen westlichen Industrienationen beachtliche 6% (1:17). Da mehr als 40% aller Betroffenen daran versterben, rangiert das Dickdarmkarzinom bei den tumorbedingten Todesursachen an 3. Stelle.

Ab welchem Alter ist das Risiko groß?

Das Krebsrisiko steigt ab dem 50. Lebensjahr kontinuierlich an, wobei das Durchschnittsalter der Erkrankten zwischen 60 und 75 Jahren liegt. Jüngere Menschen erkranken selten an Darmkrebs, es sei denn es besteht eine familiäre Disposition oder es liegt eine prädisponierende Erkrankung (z.B. langjährig bestehende chronisch Darmentzündung) vor.

Ab welchem Alter sollte man wie oft eine Koloskopie durchführen lassen?

Bei durchschnittlichem Risiko, wenn also keine genetische Prädisposition oder anderwärtig erhöhte Risikokonstellation vorliegt, sollte eine Vorsorge-Koloskopie ab dem 50. Lebensjahr erfolgen. Ist der Befund unauffällig, muss diese erst wieder in 5 bis 10 Jahren wiederholt werden.

Wie wird die Koloskopie durchgeführt, wie lange dauert diese Untersuchung?

Nach einer gründlichen Reinigung des Darms wird in Seitenlage ein relativ dünnes und biegsames Sichtrohr eingeführt. Die Untersuchung dauert nur wenige Minuten und ist mit einer vorbeugenden Beruhigungsspritze schmerzfrei. Eventuell vorhandene Polypen können noch in ein und derselben Sitzung entfernt werden, wodurch das mögliche spätere Entstehen eines Dickdarmkarzinoms somit definitiv verhindert wird.

Wie soll man sich darauf vorbereiten?

Die unkomplizierteste und auch qualitativ untersuchungstechnisch günstigste Vorbereitung für eine Koloskopie stellt das erst am späten Nachmittag am Vortag der Untersuchung erforderliche Trinken von (idealerweise 4 Liter) einer etwas salzig schmeckenden Flüssigkeit, die in der Apotheke erhältlich ist, dar.

Was ist, wenn sich zeigt, dass es sich um einen bösartigen Tumor handelt?

In diesem Falle wird nach Möglichkeit zunächst der gesamte übrige Darm eingesehen um einen etwaigen Zweittumor auszuschliessen. Danach erfolgt eine Biopsie (Gewebeentnahme) um die Diagnose auch feingeweblich durch einen Pathologen abzusichern. Der nächste Schritt stellt dann die Erfassung des Tumorstadiums dar, d.h. es werden die Infiltrationstiefe und die benachbarten Lymphdrüsenregionen zu beurteilen versucht und mittels Röntgen, Ultraschall bzw. Computertomographie die inneren Organe, insbesonders die Leber und Lunge, zum sicheren Ausschluss von Fernmetastasen untersucht. Erst nach Vorliegen all dieser Informationen, kann dann die im Einzelfall günstigste therapeutische Strategie festgelegt werden.

Können entdeckte Polypen dann gleich entfernt werden? Ist das schmerzhaft? Wie lange muss man im Krankenhaus bleiben?

Polypen können und werden in der Regel noch im Rahmen derselben Koloskopiesitzung entweder mittels Biopsiezange oder Schlinge abgetragen. Dies ist mit keinen Schmerzen verbunden, da im Inneren des Darms keine Schmerzrezeptoren vorhanden sind. Der Eingriff erfolgt üblicherweise ambulant, der Patient muss nach dem Eingriff lediglich einige Zeit nachbeobachtet werden um eine etwaige Nachblutung mit Sicherheit auszuschliessen.

Wie sicher ist es, eine Stuhluntersuchung durchzuführen. Kann man dann auf die Koloskopie verzichten?

Stuhltests (Hämocculttests), die neuerdings auch in der Apotheke zur Selbstauswertung erworben werden können, erlauben den Nachweis geringster Mengen von Blut im Stuhl, eben bereits schon zu einem Zeitpunkt, wo dies mit dem Auge nicht wahrnehmbar ist. Die Vorteile dieser Tests liegen darin, dass es sich um ein simples, nicht-invasives Untersuchungsverfahren handelt und dass bei 1 x jährlicher Durchführung über einen Zeitraum von zumindest 10 Jahren, in gross angelegten Bevölkerungsstudien eine Senkung der Dickdarmkarzinomsterblichkeit um 15-30% bewiesen werden konnte. Die Nachteile stellen einerseits die unzureichende Sensitivität dar (vor allem Polypen und manchmal auch bereits bestehende Karzinome bluten nicht immer), andererseits falsch-positive Testergebnisse durch bestimmte Nahrungsmittel, Medikamente (z.B.Aspirin) oder Hämorrhoiden. Die grösstmögliche Sicherheit bietet ausschliesslich die Koloskopie. Diese hat vor allem den Vorteil einer hohen Treffsicherheit auch für Polypen, die noch in ein und derselben Sitzung abgetragen werden können. Würde die Vorsorgekoloskopie von einem Grossteil der Bevölkerung wahrgenommen werden, könnte die Dickdarmkrebssterblichkeit – nach seriösen Schätzungen – um 60-80% gesenkt werden !

Was ist eine radiologische Untersuchungsmethode?

Eine radiologische Untersuchungsmethode, die sich zur Beurteilung des Dickdarms eignet, ist die Irrigoskopie. Nach einer identen Vorbereitung wie bei der Koloskopie, erfolgt ein Röntgenkontrastmitteleinlauf + Luftinsufflation um die Darmschleimhaut zu entfalten und möglichst gut beurteilen zu können. Relative Nachteile im Vergleich zur Darmspiegelung stellen die nicht optimale Beurteilbarkeit des Enddarmbereiches dar, sowie das Problem, wenn sich ein pathologischer Befund zeigt: In diesem Fall muss erneut eine vollständige Darmreinigung erfolgen um mittels Koloskop den Polypen abzutragen oder das vermutete Karzinom histologisch zu sichern.

Wie sicher ist eine virtuelle Koloskopie?

Einige Experten vermuten, dass diese Untersuchungstechnik – vorbehaltlich weiterer Optimierungsschritte – eines Tages die ideale Dickdarmkarzinom-Vororgeuntersuchung darstellen wird. Im Prinzip handelt es sich um eine Spiralcomputer- oder spezielle Kernspintomographie, wobei mittels PC und speziellem Softwareprogramm eine dreidimensionale Darstellung des Dickdarms am Bildschirm ermöglicht wird. Wie bei der Koloskopie gelingt es damit selbst kleine Polypen zu lokalisieren. Aktuelle Probleme stellen allerdings die hohen Kosten, die zumindest derzeit noch erforderliche Darmlavage zur Vorbereitung und der erhebliche zeitliche Aufwand durch die noch nicht optimalen Softwareprogramme dar. Ferner, wie bei der Irrigoskopie, muss im Falle eines pathologischen Befundes erst recht wieder eine Koloskopie durchgeführt werden.

Lässt sich der Tumor auch ertasten?

Wenn der Tumor im unteren Abschnitt des Enddarms gelegen ist und eine gewisse Grösse erreicht, kann dieser auch mit dem Finger ertastet werden. Diese einfache Untersuchung, die bei Männern auch eine Beurteilung der Prostata gestattet, ist daher integraler Bestandteil der klinisch-physikalischen Krankenuntersuchung durch den Arzt. Die Tastuntersuchung stellt aufgrund der Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der Dickdarmtumoren jedoch weiter oben gelegen sind, keinesfalls eine Alternative zum Stuhltest bzw. zur Koloskopie dar.